30 March 2026, 00:28

Wie Neslihan Arol die vergessene Kunst des Meddah in Berlin neu erfindet

Ein Mann in einem schwarzen Anzug und weißem Hemd und eine Frau in einem langen Kleid stehen auf einer Bühne und sehen ernst aus, wobei der Mann ein Objekt hält und eine dramatische dunkle Kulisse mit einer Treppe im Hintergrund zu sehen ist.

Wie Neslihan Arol die vergessene Kunst des Meddah in Berlin neu erfindet

Neslihan Arol lässt im Berliner Bavul Café in Kreuzberg die uralte Kunst des Meddah wieder aufleben. Mit einer Mischung aus Humor, Politik und mehreren Sprachen stellt sie auf der Bühne traditionelle Geschlechterrollen in Frage – und hält dabei eine jahrhundertealte osmanische Tradition auf ihre ganz eigene, mutige Weise am Leben. Während ein Teelicht auf der Bühne flackert, webt sie ihre Geschichten.

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Arols Weg dorthin war alles andere als geradlinig. Ursprünglich studierte sie Chemieingenieurwesen, folgte damit den Warnungen ihres Vaters vor einer Schauspielkarriere. Doch ihre Leidenschaft für die Bühne blieb ungebrochen und führte sie 2014 nach Berlin. Acht Jahre lang forschte sie dort für ihre Doktorarbeit über Komik, Clowns und die Kunst des Meddah.

Ihre Faszination für das Clownspiel begann bereits während ihres Schauspielstudiums. Frustriert über den Mangel an witzigen Frauenrollen im klassischen Theater, schrieb sie ihre erste große Arbeit über Clowns aus feministischer Perspektive. Für Arol wurde das Clownspiel zu einem Werkzeug, um den Humor für Frauen zurückzuerobern.

Die Wurzeln des Meddah reichen tief: Sie lassen sich bis zu schamanistischen Erzähltraditionen Zentralasiens und islamischer Lobdichtung zurückverfolgen. Unter den Osmanen entwickelte es sich zu einer lebendigen, volksnahen Unterhaltungsform – neben Schattenfigurentheater und improvisiertem Theater. Traditionell war diese Kunst männlich dominiert – doch Arol interpretiert sie aus weiblicher Perspektive und bricht damit jahrhundertealte Konventionen.

Auf der Bühne sind ihre Auftritte dynamisch und mehrsprachig: Ihre Figuren wechseln zwischen Deutsch, Türkisch und Englisch. Ein kleines Teelicht steht neben ihr – Symbol für die Menschlichkeit der Künstlerin. Früher nutzte sie eine alte Gaslampe, doch nach einem Beinahe-Unfall stieg sie auf die sicherere Kerze um. Am Ende jeder Vorstellung bläst sie sie aus – eine stille Geste, die den Abschluss einer weiteren Geschichte markiert.

Arols Arbeit belebt eine osmanische Tradition neu, ohne sich von ihren Grenzen einengen zu lassen. Ihr feministischen Ansatz und ihre mehrsprachigen Performances geben der uralten Kunst eine frische, zeitgemäße Note. Das Flackern der Kerze – und ihr Erlöschen – erinnern das Publikum daran, dass Geschichten, wie die Geschichte selbst, stets im Wandel begriffen sind.

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